Die unzähligen Leben der Radfahrer

Radfahrer sind ja in der heutigen Gesellschaft eine problembehaftete Spezies. Wenn vor 30 Jahren auf dem Dorf der adipöse Nachbar bei Einbruch der Dunkelheit auf einem aus heutiger Sicht nicht verkehrstüchtigem Drahtesel die Heimfahrt aus der Dorfkneipe antrat, hat es niemanden gestört, eher das halbe Dorf amüsiert. Der dicke Nachbar war irgendwann besoffen zu Hause bei der Mutti und alles war gut. In der Stadt lief es ähnlich. Man fuhr mit dem Fahrrad irgendwo hin, stellte es ab, fuhr wieder zurück und alles war gut. Der eigene Nachwuchs wurde mal schnell mit dem Rad zum Brötchenholen geschickt, man hing sich die Dinger an den Lenker und torkelte mit dem Rad zurück. Immer ein Auge auf motorisierte zwei- und vierrädrige Fahrzeuge. Man traute sich auch nicht, irgend einen Passanten zu erschrecken, indem man einfach auf dem Fußweg mit zehn Zentimetern an selbigem vorbeiheizte.

Jetzt gestaltet es sich etwas schwieriger. In der heutigen Zeit würde da vermutlich spätestens beim zweiten oder dritten Versuch des Dorfdicken, mit einem halben Dutzend Bier im Wanst den Heimweg anzutreten, ein Denunziant ähm aufmerksamer Nachbar die Staatsmacht aktiveren. Die dann vermutlich sogar aufs Dorf ausrücken würde. Weil: Der Dorfdicke ist ein leichtes Opfer. Hat ´ne Wohnanschrift und bei dem kann die Staatskasse vermutlich auch das Bußgeld vollstrecken. Braucht sie aber nicht, der ist ja braver Bürger und zahlt vermutlich von allein, damit er keinen Stress mit den Schutzmännern hat. Der Denunachbar lehnt sich zufrieden ob der guten Tat in den Ohrensessel und kann vermutlich nicht zwischen RTL und RTLII entscheiden.

Da der gemeine deutsche Dorfeinwohner aufgrund wirtschaftlich-demographischen Entwicklung der letzten Jahre ja eher selten auf dem Acker oder im Stall arbeitet, fährt er also werktags (oder für die Neudeutschen „unter der Woche“) mit dem Kraftfahrwagen vermutlich in die nächste Stadt, um seinen Frondienst zu verrichten.

Und hier kommen die unzähligen Leben der Tretknechte ins Spiel: Auf der Landstraße in Richtung Stadt kommt ihm das Modell „Ü40 in Kunstdarm“ vor die Stoßstange des asiatischen Hybridvehikels. Findet man zugegebenermaßen nur auf gut geteerten Straßen und auf Rennrädern. Hat der Herr Nachbar Glück, hat das 2500 Euro-Karbon-Teil hinten einen LED-Funzel. Hat er Pech, muss er bremsen. Hat der Kunstdarm Pech, schießt ihn der Nachbar ins Feld.

Kaum in der Stadt angekommen sichtet der Nachbar einen Blagenexpress. Das sind diese eingelaufenen Wohnwagenteile mit Zeltplane, in der optimalerweise Gucklöcher vorhanden sind. Transportiert wird damit die eigene Brut, geschützt vor Wasser, Wind und überhaupt der gesamten Menschheit. Die Dinger sind meist gut beleuchtet, der Chauffeur (die Muddi oder der Vaddi) haben vorbildlich ´n Helm auf dem Kopf und bestimmt noch selbstanschnippsende Reflektorenbänder an den Beinen und Armen.

Ein paar Meter weiter Richtung Stadtkern geht es dann richtig los. Kunstdärme und Kindertransporteinrichtungen hinter Zweirädern werden ergänzt von fitten Angestellten auf Tourenrädern, Studenten auf „egal was, Hauptsache bewegt sich vorwärts“ und den Hausfrauen und Männern, die ihre Einkaufsbeutel an Lenkern und in Körbchen durch die Gegend schaukeln.

Je größer die Dichte an Radfahrern je Hektar, desto häufiger siegt der Übermut über den Überlebenswillen.

Abbiegen funktioniert wie folgt: Nach rechts kann man einfach so abbiegen, es besteht maximal die Gefahr, ´nen Fußgänger wegzulöten. Nach links vielleicht besser ein Schulterblick. Bei Lkw bremsen und bösen Blick aufsetzen, bei Pkw abbiegen.

Spurwechsel funktioniert wie folgt: Spur wechseln. Folgt ein Hupton, war wohl ein Stück Blech dicht am Hinterrad. Herrscht komplette Stille und innere Entspanntheit, hat Dich das Stück Blech erwischt. In diesem Fall ist es das Optimum, wenn Du Minuten später ein Martinshorn hörst. Wir schweifen ab…

Straßen überquert der Veloziped optimalerweise an Fußgängerwegen. Das sind die Straßenteile, die lustige weiße Streifen aufgemalt bekommen haben. Die Chance hier auf Blechkontakt zu stoßen, ist mal extrem gering.

Rote Ampeln sind gute Möglichkeiten, ohne Feindkontakt voranzukommen. Wenn man ansatzweise auf Gutmensch spielen möchte, anhalten (dabei eventuell noch am Dach eines ebenfalls haltenden Haßobjekte (aka Pkw) festhalten). Natürlich vorrollen bis an die Haltelinie. Vorsicht: Geht nur erschwert, wenn ein Blagentransporter angehängt ist!

Spielstraßen sind im Übrigen der ideale Ort für Radler. Kinder spielen heute nicht mehr auf Straßen, sondern an Smartphones, Tablets oder Spielkonsolen. Freie Fahrt – einfach durchhacken! Schrittgeschwindigkeit gilt nur für Fahrzeuge mit Kennzeichen. Auch bestens geeignet zum Vorwärtskommen: Radwege. Das sind die Dinger links und rechts neben der Straße zwischen selbiger und Fußweg. Der Fußweg ist das Ding, wo die beweglichen, meist zweibeinigen Hindernisse unkontrolliert hin- und herlaufen.

Kommen wir zum Denunzianten ähm Nachbarn zurück. Selbiger hat in Schleichfahrt (Elektromodus!!!) den Sitz seines Fronherren erreicht und sitzt dort die vereinbarte tägliche Arbeitszeit ab. Den Rückweg können wir uns sparen, der verläuft ähnlich wie der Hinweg. Zu Hause schnell den noch nüchternen Dorfadipösen überholen und beobachten, der schon wieder auf dem Weg zur Kneipe ist. Dann wird der Hybrid geparkt und sich mit ´nem leckeren Pils vor die Glotze gehockt.

So, und die mich beschäftigende Frage ist: Welche der genannten Figuren hat es am besten bzw. die höchste Überlebenschance im Alltag? 😉

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